Bd. I · Heft 03 · Mai 2026
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Streaming · 11 min

Werbe-Tier, FAST und der zweite Streaming-Boom — die Bewegtbild-Welt 2026

Vier Jahre nach Netflix mit Werbung und drei Jahre nach Amazons Werbe-Umstellung hat sich die Streaming-Welt strukturell verschoben. Eine Bestandsaufnahme zwischen 270 Millionen Netflix-Abos, der DACH-Renaissance von RTL+ und Joyn und dem stillen Beharrungs­vermögen von DVB.

Wer im Mai 2026 die Streaming-Landschaft beschreibe, beschreibe eine Branche, die ihre Gründungs­erzählung hinter sich gelassen habe. „Premium-Inhalte ohne Werbung gegen monatliche Gebühr” — das Versprechen, mit dem Netflix 2007 den Schwenk vom DVD-Versand zum Streaming begründet hatte — gelte nicht mehr. Werbung sei zurück. Sie sei sogar das wachstums­stärkste Segment der Branche. Und sie habe die alten Pay-TV-Logiken in einer Weise zurück­gebracht, die viele Industrie­beobachter:innen noch 2021 für unmöglich gehalten hätten.

Netflix: 270 Millionen und das Werbe-Tier

Netflix habe im vierten Quartal 2025 weltweit rund 270 Millionen zahlende Abonnent:innen erreicht — eine Marke, die das Unternehmen im Geschäfts­bericht vom 22. Januar 2026 selbst kommuniziert habe. Das ist gegenüber dem Tiefstand von 220 Millionen im zweiten Quartal 2022 ein bemerkens­werter Wieder­anstieg.

Der Wendepunkt habe im November 2022 gelegen, als Netflix das Werbe-finanzierte Tier („Basic with Ads”, später „Standard with Ads”) in zwölf Erst-Märkten eingeführt habe — Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Kanada, USA, Mexiko, Italien, Spanien, Japan, Brasilien, Australien, Südkorea. Drei Jahre später, im Januar 2026, habe Netflix erstmals offen kommuniziert, dass das Werbe-Tier global etwa 70 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen umfasse — rund ein Viertel des Gesamtbestands.

Die strukturelle Wirkung sei doppelt: Das Werbe-Tier öffne Netflix eine zweite Einnahmenquelle (Werbe-Schaltung) und erlaube gleichzeitig einen niedrigeren Einstiegspreis (in Deutschland 4,99 Euro pro Monat). Die Folge: Preis-sensitive Haushalte abonnieren überhaupt erst, und werbe-finanzierte Stunden seien für Netflix in Summe profitabler pro Nutzer:in als rein abo-finanzierte.

Netflix habe das Wort „Werbung” zehn Jahre lang vermieden. Dann habe es sich zum wichtigsten Wachstums­motor erklärt.

Amazon Prime Video: die Umstellung der Standardkonfiguration

Amazon habe im Januar 2024 in den USA und im Februar 2024 in Europa eine strukturelle Anpassung vollzogen, die das Streaming-Geschäft nachhaltiger verändert habe als die Netflix-Initiative: Prime-Video wurde standardmäßig auf werbe-finanziert umgestellt, und der werbefreie Zugang kostete 2,99 Euro Aufpreis pro Monat.

Die Reichweite­wirkung sei beträchtlich gewesen. Amazon erreiche allein in Deutschland über das Prime-Abonnement rund 20 Millionen Haushalte; mit einem Schlag sei die werbe-finanzierte Reichweite von Amazon Ads im vierten Quartal 2024 den klassischen TV-Sendern in einigen Werbe­fenstern ebenbürtig gewesen. Werbungtreibende hätten reagiert: Prime-Video-Spendings stiegen 2025 laut Nielsen um 38 % gegenüber 2024.

Disney+, Apple TV+ und die Mitläufer-Logik

Disney+ habe seit dem Markteintritt im November 2019 (USA) bzw. März 2020 (DACH) einen vorhersehbaren Werdegang genommen: Im Dezember 2022 folgte das werbe-finanzierte Tier in den USA, im November 2023 in Europa. Die globalen Abozahlen lagen Anfang 2026 bei rund 162 Millionen (inklusive Hotstar).

Apple TV+ habe der Werbe-Welle länger widerstanden, im Oktober 2024 aber erste Test­schaltungen in Form von Pre-Roll-Werbung für Apple-eigene Produkte eingeführt. Ein offizielles werbe-finanziertes Tier sei für Ende 2026 angekündigt.

Max (vormals HBO Max), Paramount+ und Peacock hätten die Werbe-Variante teils schon mit Marktstart, teils nachgereicht — das Muster sei in allen Fällen ähnlich.

DACH: RTL+ und Joyn

Im deutsch­sprachigen Raum sei der zweite Streaming-Boom auch ein Heimspiel-Boom geworden. RTL+ (seit November 2021 als Streaming-Marke der RTL-Gruppe, vormals TV Now) und Joyn (gemeinsame Plattform von ProSiebenSat.1 und ARD/ZDF-Kooperationen) hätten die Lücke zwischen klassischem Free-TV und Abo-Streaming gefüllt.

RTL+ habe Ende 2025 rund 6,2 Millionen zahlende Abonnent:innen verzeichnet — eine Zahl, die für eine europäische Streaming-Plattform außerhalb des US-Marktes beachtlich sei. Joyn arbeite weiter mit hybridem Modell: kostenfreier Werbe-Zugang mit Live-TV der ProSieben- und Sat.1-Kanäle, kostenpflichtiges Joyn Plus für Premium-Inhalte.

Wer 2026 den DACH-Streaming-Markt erkläre, müsse RTL+ und Joyn ernst nehmen. Beide hätten Reichweiten erreicht, die die Pure-Player aus den USA nicht ignorieren könnten.

FAST: das stille Comeback der Kanalstruktur

FAST steht für „Free Ad-Supported Streaming TV” — werbe-finanzierte lineare Streaming-Kanäle, die wie klassische Fernseh­sender programmiert seien, aber über IP ausgespielt werden. Pluto TV (Paramount-Eigentum seit 2019), Samsung TV Plus (auf Samsung-Smart-TVs vorinstalliert), LG Channels (LG-Pendant), Rakuten TV und die ProSiebenSat.1-eigene waipu.tv hätten das Format zwischen 2020 und 2024 in den Mainstream gebracht.

Die Zahlen seien aufschlussreich: Samsung TV Plus erreiche in Deutschland laut Hersteller­angaben im ersten Quartal 2026 etwa 4 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen; Pluto TV nenne für die DACH-Region rund 2,5 Millionen. Die Nutzungs­zeit pro Session liege bei 35 bis 50 Minuten — Werten, die in der klassischen Fernseh­welt einer respektablen Sendekategorie entsprächen.

Was FAST strukturell zurückbringe, sei ausgerechnet das Format, von dem Streaming-Pioniere das Ende ausgerufen hätten: lineare Programmierung. Wer einen FAST-Kanal einschalte, bekomme das, was gerade läuft. Kein Algorithmus, keine Auswahl­übung, keine Endlos-Bibliothek. Für eine wachsende Nutzer:innenschaft — vor allem in den älteren Demografien — sei das ein Feature, kein Bug.

DVB: die unsichtbare Mehrheit

Während die Streaming-Welt sich neu vermesse, halte sich das klassische Broadcast-Fernsehen über DVB (Digital Video Broadcasting) mit bemerkenswerter Beharrlichkeit. Die DVB-Standards der Familie — DVB-T2 (Terrestrik, in Deutschland seit März 2017 als DVB-T2 HD ausgerollt), DVB-S2 (Satellit, seit 2003 spezifiziert), DVB-C (Kabel) — versorgten im deutsch­sprachigen Raum nach AGF-Zahlen vom Februar 2026 weiterhin rund 70 % aller Haushalte mit ihrem Haupt-Empfangsweg.

Astra 19,2 Grad Ost — der Satelliten­position, über die in der DACH-Region rund 17 Millionen Haushalte Fernsehen empfangen — bleibe der Übertragungs­weg mit der höchsten technischen Qualität für klassisches Free-TV. ARD und ZDF strahlen ihre Hauptkanäle in 1080p50 aus; UHD-Übertragungen seien sportlich limitiert (Champions League auf SES UHD1, Fußball-WM und EM auf Sport1 UHD über Sky UHD).

DVB-T2 HD über die terrestrische Verbreitung bleibe insbesondere in städtischen Haushalten mit Zweit­geräten und in Wohn­situationen ohne Satelliten­schüssel ein relevanter Empfangs­weg. Freenet TV als kostenpflichtiges Angebot der Privat­sender erreiche knapp eine Million Abonnent:innen.

Account-Sharing und die Anti-Sharing-Maßnahmen

Eine der unterschätzten strukturellen Verschiebungen der Streaming-Welt sei die Beendigung der toleranten Account-Sharing-Phase. Netflix habe im Mai 2023 die globale Anti-Sharing-Initiative ausgerollt — die Beschränkung der Mitnutzung auf einen Haushalt, mit Aufpreis für zusätzliche externe Nutzer:innen.

Die Wirkung auf die Abonnent­zahlen sei in der Branche zunächst skeptisch beobachtet worden, dann aber durchschlagend ausgefallen: Netflix gewann zwischen Mai und Dezember 2023 weltweit rund 13 Millionen Netto-Neuabonnent:innen — der stärkste Halbjahres­zuwachs seit der COVID-Pandemie 2020. Disney+ folgte mit der eigenen Sharing-Beschränkung im November 2024, Max ab Februar 2025.

Die strukturelle Lehre: Account-Sharing sei jahrelang als Akquise-Funnel toleriert worden — wer mit dem Account der Eltern oder Freund:innen den Dienst kennenlerne, abonniere irgendwann selbst. Mit der Marktreife der Plattformen sei diese Argumentation in den Hintergrund getreten; die monetäre Direkt­konversion habe Vorrang bekommen.

Streaming-Qualität: Bitraten, Codecs, Bandbreite

Eine technische Beobachtung, die in den Diskussionen über die Streaming-Welt regelmäßig unter­gehe, betreffe die tatsächlich übertragene Bildqualität. Netflix streame UHD-Inhalte im Mai 2026 typischerweise mit Bitraten zwischen 15 und 25 MBit/s in AV1-Codec (eingeführt für Premium-Konten ab November 2021). Apple TV+ verwende H.265/HEVC mit Bitraten bis zu 40 MBit/s — die höchsten dokumentierten Werte unter den großen Streamern. Amazon Prime Video liege technisch zwischen den beiden.

Zum Vergleich: Eine UHD-Blu-ray übertrage Inhalte mit durchschnittlich 60 bis 90 MBit/s, in Spitzen über 120 MBit/s. Die Differenz sei nicht trivial — sie sei der Grund, weshalb Heimkino-Enthusiast:innen weiterhin die physische Disc bevorzugen, obwohl die Streaming-Verfügbarkeit längst breiter sei.

Die Codec-Verschiebung hin zu AV1 — entwickelt von der Alliance for Open Media (Gründung 2015 von Google, Mozilla, Microsoft, Netflix und anderen), 1.0-Spezifikation veröffentlicht im März 2018 — habe die Bandbreiten­anforderungen pro Pixel deutlich reduziert. Was 2019 in H.264 noch 25 MBit/s erforderte, lasse sich 2026 in AV1 mit etwa 12 MBit/s in vergleichbarer Wahrnehmungs­qualität übertragen. Die Bandbreiten­ersparnis sei für die Streamer kommerziell entscheidend.

Live-Sport: das wachsende Streaming-Segment

Live-Sport sei in der klassischen Streaming-Erzählung jahrelang das fehlende Stück gewesen. Das Bild habe sich 2024/2025 strukturell verändert. Amazon Prime Video übertrage seit der Saison 2021/22 ausgewählte Champions-League-Begegnungen für den deutschen Markt; DAZN sei seit der Saison 2022/23 Hauptrechte­inhaber der Bundesliga-Konferenz und kompletter Spiele. Netflix habe im Januar 2025 mit der WWE-Wrestling-Übertragung einen ersten regelmäßigen Live-Sport-Slot übernommen.

In der DACH-Region sei Sky weiterhin der dominante Live-Sport-Anbieter, mit Bundesliga-Einzelspielen, Premier League und Formel 1. Das hybride Sky-Q-System verbinde klassische Satelliten- und Kabel-Verbreitung mit Streaming-Komponenten — eine Architektur, die die scheinbar saubere Trennung zwischen Broadcast und Streaming längst aufgegeben habe.

Was 2026 die Bewegtbild-Welt prägt

Drei Beobachtungen lassen sich festhalten:

  1. Werbung sei zurück — und sie bleibe. Die Idee eines rein abo-finanzierten Streaming-Markts sei kommerziell überholt.
  2. Lineare Logik kehre zurück, nicht als Broadcast, sondern als FAST. Die Nutzer:innenschaft, die sich gegen die Auswahl­bürde der On-Demand-Bibliothek wehre, sei größer als die Streamer es zwischen 2015 und 2020 angenommen hätten.
  3. DVB bleibe das stille Rückgrat der Bewegtbild-Versorgung. Wer die Branche allein aus der Streaming-Logik heraus beschreibe, übersehe die Mehrheit der Haushalte.

Die Frage des Frühjahrs 2026 sei nicht „Streaming oder Broadcast”, sondern wie die Endgeräte — die Fernseher in den Wohn­zimmern — die Vielzahl der parallelen Welten zu einem brauchbaren Interface verschmelzen. Die Antwort der Hersteller — Samsung Tizen, LG webOS, Google TV, Apple tvOS — falle weiterhin unterschiedlich aus.

Was sich aus der Distanz der vergangenen vier Jahre als die strukturelle Hauptbewegung lesen lasse, sei die Hybridisierung. Streaming-Plattformen übernehmen lineare Logik (FAST), klassische Broadcaster bauen Streaming-Mediatheken (ARD, ZDF), Pay-TV-Anbieter verzahnen Satelliten- und IP-Wege (Sky Q). Die scheinbar saubere Trennung zwischen „neuer” und „alter” Bewegtbild-Welt halte einer näheren Betrachtung der Marktrealität nicht stand — sie sei eine rhetorische Figur der frühen Streaming-Jahre, die in der Reife der Branche ihre Trenn­schärfe verloren habe.


Ressort: Streaming