Werbe-Tier, FAST und der zweite Streaming-Boom — die Bewegtbild-Welt 2026
Vier Jahre nach Netflix mit Werbung und drei Jahre nach Amazons Werbe-Umstellung hat sich die Streaming-Welt strukturell verschoben. Eine Bestandsaufnahme zwischen 270 Millionen Netflix-Abos, der DACH-Renaissance von RTL+ und Joyn und dem stillen Beharrungsvermögen von DVB.
Wer im Mai 2026 die Streaming-Landschaft beschreibe, beschreibe eine Branche, die ihre Gründungserzählung hinter sich gelassen habe. „Premium-Inhalte ohne Werbung gegen monatliche Gebühr” — das Versprechen, mit dem Netflix 2007 den Schwenk vom DVD-Versand zum Streaming begründet hatte — gelte nicht mehr. Werbung sei zurück. Sie sei sogar das wachstumsstärkste Segment der Branche. Und sie habe die alten Pay-TV-Logiken in einer Weise zurückgebracht, die viele Industriebeobachter:innen noch 2021 für unmöglich gehalten hätten.
Netflix: 270 Millionen und das Werbe-Tier
Netflix habe im vierten Quartal 2025 weltweit rund 270 Millionen zahlende Abonnent:innen erreicht — eine Marke, die das Unternehmen im Geschäftsbericht vom 22. Januar 2026 selbst kommuniziert habe. Das ist gegenüber dem Tiefstand von 220 Millionen im zweiten Quartal 2022 ein bemerkenswerter Wiederanstieg.
Der Wendepunkt habe im November 2022 gelegen, als Netflix das Werbe-finanzierte Tier („Basic with Ads”, später „Standard with Ads”) in zwölf Erst-Märkten eingeführt habe — Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Kanada, USA, Mexiko, Italien, Spanien, Japan, Brasilien, Australien, Südkorea. Drei Jahre später, im Januar 2026, habe Netflix erstmals offen kommuniziert, dass das Werbe-Tier global etwa 70 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen umfasse — rund ein Viertel des Gesamtbestands.
Die strukturelle Wirkung sei doppelt: Das Werbe-Tier öffne Netflix eine zweite Einnahmenquelle (Werbe-Schaltung) und erlaube gleichzeitig einen niedrigeren Einstiegspreis (in Deutschland 4,99 Euro pro Monat). Die Folge: Preis-sensitive Haushalte abonnieren überhaupt erst, und werbe-finanzierte Stunden seien für Netflix in Summe profitabler pro Nutzer:in als rein abo-finanzierte.
Netflix habe das Wort „Werbung” zehn Jahre lang vermieden. Dann habe es sich zum wichtigsten Wachstumsmotor erklärt.
Amazon Prime Video: die Umstellung der Standardkonfiguration
Amazon habe im Januar 2024 in den USA und im Februar 2024 in Europa eine strukturelle Anpassung vollzogen, die das Streaming-Geschäft nachhaltiger verändert habe als die Netflix-Initiative: Prime-Video wurde standardmäßig auf werbe-finanziert umgestellt, und der werbefreie Zugang kostete 2,99 Euro Aufpreis pro Monat.
Die Reichweitewirkung sei beträchtlich gewesen. Amazon erreiche allein in Deutschland über das Prime-Abonnement rund 20 Millionen Haushalte; mit einem Schlag sei die werbe-finanzierte Reichweite von Amazon Ads im vierten Quartal 2024 den klassischen TV-Sendern in einigen Werbefenstern ebenbürtig gewesen. Werbungtreibende hätten reagiert: Prime-Video-Spendings stiegen 2025 laut Nielsen um 38 % gegenüber 2024.
Disney+, Apple TV+ und die Mitläufer-Logik
Disney+ habe seit dem Markteintritt im November 2019 (USA) bzw. März 2020 (DACH) einen vorhersehbaren Werdegang genommen: Im Dezember 2022 folgte das werbe-finanzierte Tier in den USA, im November 2023 in Europa. Die globalen Abozahlen lagen Anfang 2026 bei rund 162 Millionen (inklusive Hotstar).
Apple TV+ habe der Werbe-Welle länger widerstanden, im Oktober 2024 aber erste Testschaltungen in Form von Pre-Roll-Werbung für Apple-eigene Produkte eingeführt. Ein offizielles werbe-finanziertes Tier sei für Ende 2026 angekündigt.
Max (vormals HBO Max), Paramount+ und Peacock hätten die Werbe-Variante teils schon mit Marktstart, teils nachgereicht — das Muster sei in allen Fällen ähnlich.
DACH: RTL+ und Joyn
Im deutschsprachigen Raum sei der zweite Streaming-Boom auch ein Heimspiel-Boom geworden. RTL+ (seit November 2021 als Streaming-Marke der RTL-Gruppe, vormals TV Now) und Joyn (gemeinsame Plattform von ProSiebenSat.1 und ARD/ZDF-Kooperationen) hätten die Lücke zwischen klassischem Free-TV und Abo-Streaming gefüllt.
RTL+ habe Ende 2025 rund 6,2 Millionen zahlende Abonnent:innen verzeichnet — eine Zahl, die für eine europäische Streaming-Plattform außerhalb des US-Marktes beachtlich sei. Joyn arbeite weiter mit hybridem Modell: kostenfreier Werbe-Zugang mit Live-TV der ProSieben- und Sat.1-Kanäle, kostenpflichtiges Joyn Plus für Premium-Inhalte.
Wer 2026 den DACH-Streaming-Markt erkläre, müsse RTL+ und Joyn ernst nehmen. Beide hätten Reichweiten erreicht, die die Pure-Player aus den USA nicht ignorieren könnten.
FAST: das stille Comeback der Kanalstruktur
FAST steht für „Free Ad-Supported Streaming TV” — werbe-finanzierte lineare Streaming-Kanäle, die wie klassische Fernsehsender programmiert seien, aber über IP ausgespielt werden. Pluto TV (Paramount-Eigentum seit 2019), Samsung TV Plus (auf Samsung-Smart-TVs vorinstalliert), LG Channels (LG-Pendant), Rakuten TV und die ProSiebenSat.1-eigene waipu.tv hätten das Format zwischen 2020 und 2024 in den Mainstream gebracht.
Die Zahlen seien aufschlussreich: Samsung TV Plus erreiche in Deutschland laut Herstellerangaben im ersten Quartal 2026 etwa 4 Millionen monatlich aktive Nutzer:innen; Pluto TV nenne für die DACH-Region rund 2,5 Millionen. Die Nutzungszeit pro Session liege bei 35 bis 50 Minuten — Werten, die in der klassischen Fernsehwelt einer respektablen Sendekategorie entsprächen.
Was FAST strukturell zurückbringe, sei ausgerechnet das Format, von dem Streaming-Pioniere das Ende ausgerufen hätten: lineare Programmierung. Wer einen FAST-Kanal einschalte, bekomme das, was gerade läuft. Kein Algorithmus, keine Auswahlübung, keine Endlos-Bibliothek. Für eine wachsende Nutzer:innenschaft — vor allem in den älteren Demografien — sei das ein Feature, kein Bug.
DVB: die unsichtbare Mehrheit
Während die Streaming-Welt sich neu vermesse, halte sich das klassische Broadcast-Fernsehen über DVB (Digital Video Broadcasting) mit bemerkenswerter Beharrlichkeit. Die DVB-Standards der Familie — DVB-T2 (Terrestrik, in Deutschland seit März 2017 als DVB-T2 HD ausgerollt), DVB-S2 (Satellit, seit 2003 spezifiziert), DVB-C (Kabel) — versorgten im deutschsprachigen Raum nach AGF-Zahlen vom Februar 2026 weiterhin rund 70 % aller Haushalte mit ihrem Haupt-Empfangsweg.
Astra 19,2 Grad Ost — der Satellitenposition, über die in der DACH-Region rund 17 Millionen Haushalte Fernsehen empfangen — bleibe der Übertragungsweg mit der höchsten technischen Qualität für klassisches Free-TV. ARD und ZDF strahlen ihre Hauptkanäle in 1080p50 aus; UHD-Übertragungen seien sportlich limitiert (Champions League auf SES UHD1, Fußball-WM und EM auf Sport1 UHD über Sky UHD).
DVB-T2 HD über die terrestrische Verbreitung bleibe insbesondere in städtischen Haushalten mit Zweitgeräten und in Wohnsituationen ohne Satellitenschüssel ein relevanter Empfangsweg. Freenet TV als kostenpflichtiges Angebot der Privatsender erreiche knapp eine Million Abonnent:innen.
Account-Sharing und die Anti-Sharing-Maßnahmen
Eine der unterschätzten strukturellen Verschiebungen der Streaming-Welt sei die Beendigung der toleranten Account-Sharing-Phase. Netflix habe im Mai 2023 die globale Anti-Sharing-Initiative ausgerollt — die Beschränkung der Mitnutzung auf einen Haushalt, mit Aufpreis für zusätzliche externe Nutzer:innen.
Die Wirkung auf die Abonnentzahlen sei in der Branche zunächst skeptisch beobachtet worden, dann aber durchschlagend ausgefallen: Netflix gewann zwischen Mai und Dezember 2023 weltweit rund 13 Millionen Netto-Neuabonnent:innen — der stärkste Halbjahreszuwachs seit der COVID-Pandemie 2020. Disney+ folgte mit der eigenen Sharing-Beschränkung im November 2024, Max ab Februar 2025.
Die strukturelle Lehre: Account-Sharing sei jahrelang als Akquise-Funnel toleriert worden — wer mit dem Account der Eltern oder Freund:innen den Dienst kennenlerne, abonniere irgendwann selbst. Mit der Marktreife der Plattformen sei diese Argumentation in den Hintergrund getreten; die monetäre Direktkonversion habe Vorrang bekommen.
Streaming-Qualität: Bitraten, Codecs, Bandbreite
Eine technische Beobachtung, die in den Diskussionen über die Streaming-Welt regelmäßig untergehe, betreffe die tatsächlich übertragene Bildqualität. Netflix streame UHD-Inhalte im Mai 2026 typischerweise mit Bitraten zwischen 15 und 25 MBit/s in AV1-Codec (eingeführt für Premium-Konten ab November 2021). Apple TV+ verwende H.265/HEVC mit Bitraten bis zu 40 MBit/s — die höchsten dokumentierten Werte unter den großen Streamern. Amazon Prime Video liege technisch zwischen den beiden.
Zum Vergleich: Eine UHD-Blu-ray übertrage Inhalte mit durchschnittlich 60 bis 90 MBit/s, in Spitzen über 120 MBit/s. Die Differenz sei nicht trivial — sie sei der Grund, weshalb Heimkino-Enthusiast:innen weiterhin die physische Disc bevorzugen, obwohl die Streaming-Verfügbarkeit längst breiter sei.
Die Codec-Verschiebung hin zu AV1 — entwickelt von der Alliance for Open Media (Gründung 2015 von Google, Mozilla, Microsoft, Netflix und anderen), 1.0-Spezifikation veröffentlicht im März 2018 — habe die Bandbreitenanforderungen pro Pixel deutlich reduziert. Was 2019 in H.264 noch 25 MBit/s erforderte, lasse sich 2026 in AV1 mit etwa 12 MBit/s in vergleichbarer Wahrnehmungsqualität übertragen. Die Bandbreitenersparnis sei für die Streamer kommerziell entscheidend.
Live-Sport: das wachsende Streaming-Segment
Live-Sport sei in der klassischen Streaming-Erzählung jahrelang das fehlende Stück gewesen. Das Bild habe sich 2024/2025 strukturell verändert. Amazon Prime Video übertrage seit der Saison 2021/22 ausgewählte Champions-League-Begegnungen für den deutschen Markt; DAZN sei seit der Saison 2022/23 Hauptrechteinhaber der Bundesliga-Konferenz und kompletter Spiele. Netflix habe im Januar 2025 mit der WWE-Wrestling-Übertragung einen ersten regelmäßigen Live-Sport-Slot übernommen.
In der DACH-Region sei Sky weiterhin der dominante Live-Sport-Anbieter, mit Bundesliga-Einzelspielen, Premier League und Formel 1. Das hybride Sky-Q-System verbinde klassische Satelliten- und Kabel-Verbreitung mit Streaming-Komponenten — eine Architektur, die die scheinbar saubere Trennung zwischen Broadcast und Streaming längst aufgegeben habe.
Was 2026 die Bewegtbild-Welt prägt
Drei Beobachtungen lassen sich festhalten:
- Werbung sei zurück — und sie bleibe. Die Idee eines rein abo-finanzierten Streaming-Markts sei kommerziell überholt.
- Lineare Logik kehre zurück, nicht als Broadcast, sondern als FAST. Die Nutzer:innenschaft, die sich gegen die Auswahlbürde der On-Demand-Bibliothek wehre, sei größer als die Streamer es zwischen 2015 und 2020 angenommen hätten.
- DVB bleibe das stille Rückgrat der Bewegtbild-Versorgung. Wer die Branche allein aus der Streaming-Logik heraus beschreibe, übersehe die Mehrheit der Haushalte.
Die Frage des Frühjahrs 2026 sei nicht „Streaming oder Broadcast”, sondern wie die Endgeräte — die Fernseher in den Wohnzimmern — die Vielzahl der parallelen Welten zu einem brauchbaren Interface verschmelzen. Die Antwort der Hersteller — Samsung Tizen, LG webOS, Google TV, Apple tvOS — falle weiterhin unterschiedlich aus.
Was sich aus der Distanz der vergangenen vier Jahre als die strukturelle Hauptbewegung lesen lasse, sei die Hybridisierung. Streaming-Plattformen übernehmen lineare Logik (FAST), klassische Broadcaster bauen Streaming-Mediatheken (ARD, ZDF), Pay-TV-Anbieter verzahnen Satelliten- und IP-Wege (Sky Q). Die scheinbar saubere Trennung zwischen „neuer” und „alter” Bewegtbild-Welt halte einer näheren Betrachtung der Marktrealität nicht stand — sie sei eine rhetorische Figur der frühen Streaming-Jahre, die in der Reife der Branche ihre Trennschärfe verloren habe.